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Öffnet sich der Himmel

Roman
Aus dem Englischen von Stephan Kleiner
Suhrkamp Verlag 2025 erste Auflage

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Was ist Liebe?

Meine Reaktion auf den Debütroman des preisgekrönten Dichters Seán Hewitt wäre eigentlich wortlos.
Doch da ich eine Rezension mit einer Leseaufforderung verfassen möchte, suche ich nun natürlich nach Worten.

Noch unter dem Einfluss der Lektüre stehend scheint mir jedes meiner Worte fad. Seán Hewitt’s Sprache ist präzise und schön und basiert auf einer sehr genauen und umfassenden Wahrnehmung. So beschreibt er zum Beispiel die Natur, Formen, die durch die Sonne entstehen, und das Menscheninnere. Ich saugte jedes seiner Worte auf. Anfangs noch stoppte ich das Lesen sehr häufig, um auszurufen, wie unfassbar und genial es sei, etwas auf diese Weise auszudrücken. „Wie macht er das bloß?!“ Doch dann gewöhnte ich mich an diesen außerordentlichen Luxus und wurde von der Spannung des Romans mitgerissen.

Ein Jugendlicher wächst dörflich auf und es spricht sich herum, dass er schwul ist. Er kommt mit männlichem Smalltalk und Gehabe nicht zurecht. Er sieht das Weiche hinter der sehr rauen, manchmal brutalen Fassade vieler Männer und muss irgendwie da durch, wenn zum Beispiel jemand beim Einblick eines sich morgens ankleidenden Mädchens sagt, dass er es ihr ordentlich besorgen würde.

Die „Zwingkraft“ (Seite 35) der jugendlichen schwulen Sexualität beschreibt der Autor ohne Klischees und Übertreibungen. Die Einsamkeit als Außenseiter ist selbst beim Lesen schwer aushaltbar, doch er findet die Liebe seines Lebens. Warum dies so ist und wie sie sich gestaltet, möchte ich hier nicht vorwegnehmen.

Was mich erstaunt, ist, dass der Jugendliche in dieser Lebensphase die Liebe zu seiner Mutter in seinem Herzen fühlt.

Was mich bekümmert, ist, dass ihm zu den Bürden der erwachenden Sexualität, der ersten Liebe und der gesellschaftlichen Fremdheit noch das schlechte Gewissen seinem kleinen Bruder gegenüber aufgelastet wird.

Der Übersetzer Stephan Kleiner hat Großartiges vollbracht.

Den Lektoren spricht Hewitt seinen überschwänglichen Dank aus. Das ist für mich als Lektorin eine Freude zu lesen, da ich die Intensität und Genauigkeit unseres engagierten Wirkens selber sehr gut kenne.

Schön, dass Seán Hewitt sich selbst aus jener Zeit auf das Cover gesetzt hat.

Wohl denen, die Begehren und Liebe in der Pubertät erleben und erlebten!

Hundertprozentige Leseempfehlung!