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Die Tiefe der menschlichen Seele und ihre Qualen erlebt der junge Erzähler nicht nur, sondern er beobachtet sie auch im Detail und in vielen schattigen Winkeln und findet ausgesprochen treffliche Worte, um sie zu beschreiben. Dabei schont er sich weder im Erleben noch beim anschließenden Aufschreiben.

Wie sehr die „Liebe“ (die Anführungszeichen kann ich mir nicht verkneifen) zwischen Mann und Frau von alten Wunden und von Wunschvorstellungen geprägt ist, sehen wir Leser bereits an der Tatsache, dass er sich in eine Frau verliebt, die er gar nicht kennt, aber kennenlernen wird, und von der er sich im Vorfeld allerlei Vorstellungen macht. Wir können es Träumerei nennen, doch sind es eher Projektionen, denn er ist fast ein bisschen besessen von seinen Gefühlen, Erwartungen und Sehnsüchten, und das geht so weiter, bis er das dritte Rad am Wagen ist, ständig die Turtelei und freundschaftliche Wärme seiner Angebeteten und ihres Freundes beobachtend und selbst verhungert und von Eifersucht krank.

Indem wir Menschen uns selbst täuschen, können wir uns Illusionen machen. Hier spricht der Autor von „mutmaßen“ und dem Hervorrufen einer „seltsamen seelischen Spannung“. Ich würde es eine Art Hoffnung nennen, vielleicht sogar nicht selten die Hoffnung nach etwas, das in unseren Kinderjahren grundlegend und in Gefahr war und das wir nun stellvertretend unseren Beziehungs- und Wunschmenschen abzwingen wollen.

Mich hat berührt, wie er den Erzähler in seinem Tagebuch über seine weitere Entwicklung sinnieren lässt, dass er ein neuer Mensch „vielleicht nicht bald“ werden wird. Im Februar 1943 wurde der Autor in Auschwitz ermordet. Er wurde nur 49 Jahre alt, der liebe Nikolai Freudenstein.

 

Juri Felsen Getäuscht