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Holger Richter

Jenseits der Diagnosen
Fallstricke der Psychotherapie
Kohlhammer 2024

 

Holger Richter ist Autor verschiedener Fachbücher und Gutachter für die Bewilligung von Psychotherapien. Seit 31 Jahren ist er als Psychotherapeut mit den Schwerpunkten Gruppenpsychotherapie und Persönlichkeitsstörungen sowie als Dozent und Supervisor, auch in der Psychotherapieausbildung, tätig.

Sein zentraler gedanklicher Ansatz ist: Die Störung liegt in Wahrheit hinter der Diagnose.  Die Diagnose sagt also nicht, was los ist, sondern der Therapeut hat bei jedem Patienten individuell die Strukturen und Muster der Störung aufzuklären.

Damit Therapien wieder mehr gelingen, sind aus seiner Sicht ein Blick auf das große Ganze, auf den gesellschaftlichen Rahmen und somit ein erweitertes Verständnis von Diagnose und Therapie notwendig. Die psychischen Diagnosen sind im DSM von 128 auf 300 gestiegen. Normale Gefühlszustände und Verhaltensweisen wie Trauer, gehobene Stimmung, Schüchternheit, Unkonzentriertheit, wenig Appetit oder Schlafmangel werden heutzutage oft pathologisiert, weil Symptome mit Krankheit verwechselt werden. Zu den Ausweitungen der Diagnosen gehören die Verbitterungsstörung, welche mit einem speziellen Therapiekonzept behandelt wird, und die Hochsensibilität. Diese diagnostizieren sich Menschen immer öfter selber, wie auch ADHS, Autismus und PTBS, wohingegen Laien die narzisstische Persönlichkeitsstörung zunehmend ihrem Partner anhängen. Diagnosen weiten sich also aus, z. B. auch, weil statt Kategorien Spektren für eine Diagnose und vergrößerte Altersspannen eingeführt wurden.
Es ist nicht mehr wie früher ein Makel, zur Psychotherapie zu gehen, sondern immer häufiger ein identitätsstiftendes Qualitätsmerkmal. Menschen suchen sich selber ihre Diagnosen aus. Ihr Opferstatus kann Vorteile (z. B. finanzielle) mit sich bringen. Therapeuten diagnostizieren immer mehr psychische Krankheiten für eine Person und hinterfragen manchmal deren Narrative nicht, obgleich beim als wahr erlebtem Gefühl eine Verzerrung, eine Manipulation und sogar Lüge vorliegen kann. Nicht alles Gefühlte ist automatisch wahr und schon gar nicht Grundlage für rechtliche Konsequenzen („Gefühlsrecht“ würde zur Gefühlsdiktatur führen). Therapeuten müssen ihre Motive (auch ihre guten!) hinterfragen und durchleuchten, tun dies aber oftmals nicht und handeln beispielsweise aus Anerkennungsbedarf und finanziellen Überlegungen heraus oder aus ideologischen Gründen in einer Vergeschwisterung mit dem Patienten.

Herr Richter schreibt von Diagnoseinflation, denn die wirklich Erkrankten benötigen zum einen dringend Behandlung und zum anderen Vertrauen in die Ärzte und Therapeuten, welche die Diagnosen stellen.

In 16 packenden Fallbeispielen geht der Gutachter den „Fallstricken der Psychotherapie“ auf die Spur und lässt es bei allem Ernst an Humor nicht mangeln. Zwei Trialoge im Team eines psychiatrischen Krankenhauses runden diese ab.

Daraus können die Leser sehr viel lernen, zum Beispiel auch, sich mit folgenden Fragen auseinanderzusetzen:

  • Welcher Therapeut hört gern, dass seine Therapie ein Problem sein könnte und dass deren Beendigung die Therapie wäre?
  • Wie schafft es ein Therapeut, dass der Patient seine Bedürfnisse findet und ihnen nachgeht?
  • Was hat Narzissmus mit (Eigen-)Diagnosen zu tun?
  • Inwiefern kann ein Mensch mit helfendem Beruf narzisstisch handeln? Wo ist er hoch kränkbar, z. B. wenn man ihm seine (versteckte) Mission wegnimmt?
  • Wann sollte ein Therapeut den Patienten weiterschicken, da er alle möglichen Symptome mit ein und derselben Methode behandelt, es aber deutlich passendere Methoden für diese Störung gibt, die er selber nicht beherrscht?
  • Wo und warum verweigern Klinikmitarbeiter den Konflikt untereinander bei der Beurteilung eines Patienten und somit seiner Behandlung?
  • Was haben Therapeuten davon, den Patienten im Opferstatus zu lassen?
  • Wie kommt es, dass Therapeuten bei bestimmten Wörtern nicht weiterfragen? Wo und warum werden wichtige Begriffe wie „Trauma“, „Opfer“ und „Diskriminierung“ verabsolutiert oder sogar manchmal als Waffe benutzt?
  • Wie sehen Machtmotive hinter politischer Korrektheit aus?

Es gibt Phänomene innerhalb einer Persönlichkeitsstörung, die nicht in der Diagnose vorkommen, aber elementar für therapeutische Beziehungsgestaltung sind (Regression, Überkreuz-Verstrickung u. a.). Auch sind lebensgeschichtliche Faktoren u. U. maßgeblich für den therapeutischen Umgang und ihr Weglassen ineffektiv bis gefährlich.
Die Bindungsstörung ist nicht Bestandteil des ICD, obwohl ihre Kriterien recht klar sind und es sogar Liebesphobie gibt. Die Fallgeschichte dazu ist besonders aufregend, weil ein junger Therapeut entgegen seines Wissens, seiner festen Absicht und unter Einsetzung aller Kraft, gestützt durch einen älteren Kollegen, der Erotik einer faszinierenden liebenswürdigen Patientin erliegt und danach mustergültig von ihr weggeworfen wird.
Eine passiv-aggressive Patientin gewinnt immer, da Vermeidungsmacht stärker ist als Durchsetzungsmacht, und das fordert dem Therapeuten sehr viel ab.
Holger Richter versteht die narzisstische Persönlichkeitsstörung als narzisstische Achsenstörung. An einem Pol befindet sich der gottgleiche Anspruch und am anderen Pol die Überzeugung, lebensunwert zu sein. Auf der Achse dazwischen befindet sich der Mensch. Die Störung besteht darin, dass beide Pole gleichzeitig aktiv sind. Ein Perfektionist fühlt sich bei Misserfolg als absoluter Versager.

Für mich persönlich ist das Buch von großem Interesse, da ich beruflich viel mit Psychologie und Therapie zu tun hatte, wenngleich ich keine psychologische Psychotherapeutin bin und nie in einer Psychiatrie gearbeitet habe.
Mein Kritikpunkt ist einzig, dass Herr Richter die False Memory, die falsche Erinnerung, in bestimmten Fällen vermutet. Ich habe mich sehr intensiv mit der Thematik des unvorstellbaren und abgründigsten Bösen befasst und muss leider davon ausgehen, dass die Welt davon durchsetzt ist. Herr Richter fügt als Beispiele „Holocaust-Überlebende“ an, die dies aber nicht waren, sondern sich falsch erinnerten. So wie es den Holocaust trotzdem gab, so gibt es leider auch diese Riten und Geschäfte der Finsternis.
https://lektorat-tiefsinn.de/toki-nirik-wir-sind-eine-dunkelziffer/
https://lektorat-tiefsinn.de/2045-2/
https://www.youtube.com/watch?v=7diM406ygYE&t=12s

Zum Thema Hochsensibilität möchte ich ergänzen, dass es dieses Phänomen tatsächlich geben kann, auch wenn sich die falschen, die selbsternannten „Hochsensiblen“ bei den Psychotherapeuten vorstellen. Dazu bitte ich die Forschung, gute Quellen heranzuziehen und wissenschaftlich auszuwerten.

https://shop.kohlhammer.de/jenseits-der-diagnosen-44358.html#147=19

Holger Richter Jenseits der Diagnosen