Mouhanad Khorchide
Ohne Judentum kein Islam
Die verleugnete Quelle
Herder 2025
Wir können dem Islam zutrauen, dass er sich reflektieren und weiterentwickeln kann.
Deswegen ist ihm die Auseinandersetzung mit muslimischem Antisemitismus zuzumuten:
Am Anfang seines Buches listet Mouhanad Khorchide auf knapp zwanzig Seiten schockierende Zahlen aus empirischen Untersuchungen auf.
Was Menschen sich jahrhundertelang erzählen, hinterlässt tiefe Spuren, auch wenn diese Erzählungen sachlich nicht begründet werden und falsch sind. Mouhanad Khorchide analysiert diese Narrative, klärt theologisch auf und entwirft ein mögliches neues Narrativ. Dabei geht er systematisch vor und formuliert sehr präzise und unmissverständlich. Gleichzeitig ist sein Werk gut verständlich für Menschen, die keine Wissenschaftler sind.
Juden und Muslime sind Verbündete im Glauben an den einen Gott.
Die sog. Ungläubigen waren laut Koran Menschen, die die Herkunft und die Botschaften ihrer Religion ablehnten. Wer die Quellen des Islam, also die Überlieferungen von Abraham bis Jesus Christus, verleugnet, ist demnach kein Muslim, sondern ein Leugner, ein Ungläubiger.
Das Wort „Koran“ bedeutet „das Vorgetragene“. Der Prophet Mohammed trug innerhalb von 23 Jahren Gottes Wort mittels Reden vor, die sich aus den Lebenswirklichkeiten und Fragen der damaligen Primäradressaten ergaben. Gott sprach so, dass die damaligen Leute in ihrer Kultur und mit ihrer Sprache ihn verstehen konnten. Gott redete durch einen Menschen. Der Koran ist also Gottes Menschenwort. Er kann als Medium dafür verstanden werden, die Ethik und Spiritualität der Menschen, auch der Sekundäradressaten bis heute und in die Zukunft hinein, zu entfalten. Dieses ist nicht vereinbar mit Gewalt, Ausgrenzung und der Erstarrung in einem geschlossenen System.
Der Koran erkennt die göttliche Herkunft der Tora und des Evangeliums an und bekräftigt diese.
Er vernichtet diese Tradition nicht, sondern verstärkt sie. Im Zweifel sollten sich die damals Lauschenden an die Leute der Erinnerung / die Schriftkundigen / die Juden und Christen wenden. Der Koran nutzt jüdische Erzählungen, um sein Anliegen zu verdeutlichen.
Das strenge Schimpfen auf Juden bezog sich nicht auf alle Juden, das Judentum oder die jüdische Religion, sondern auf bestimmte Menschen damals unter den Juden, die ihren Ursprung verleugneten und somit vom göttlichen Weg abkamen und andere mitrissen.
Die Konflikte in Medina entstanden, so Herrn Khorchides These, aus der gesellschaftlichen Erwartung, dass sie sich einer Religion anzuschließen hätten, was sie aber nicht taten. So wie beispielsweise Abraham, Mose, Noah und der Prophet Mohammed, die keine Religionsstifter waren, gottergeben waren, so kann dies im Prinzip jeder Mensch sein, ohne sich zu einer Religion zu bekennen.
Die angenommene Massakrierung und Ermordung damaliger Juden in Medina durch den Propheten Mohammed wird zum Glück nicht stimmen, weil die Überlieferungsketten dazu zweifelhaft sind und es Berichte gibt, von denen man heute weiß, dass sie nicht authentisch sind.
Islam bedeutet, in der Haltung der Gottergebenheit zu leben und sich somit für die Vielfalt des Glaubens, für Verbindung und Dialog, gegen politische Instrumentalisierung einer als besonders angesehenen Glaubensrichtung einzusetzen.
Ein Mensch kann sich Muslim nennen, wenn er auch die Quellen und Bezüge seines Glaubens anerkennt, würdigt und schützt. Dazu gehört, jüdisches Leben zu bewahren und zu fördern.
Im Grunde ist es so einfach. Und schön.