+49 (0) 30 347 874 15
Seite wählen

Ein Ausflug in den 1970ger Jahren nach Lippstadt mit seinen hübschen Straßen, flippigen Cafés und schönen Kirchen löste immer helle Gedanken in mir aus.

Wieso mir trotz meiner frühen Sensibilisierung auf dieses Thema nicht bekannt war, dass es in Lippstadt ein Außenlager für jüdische Zwangsarbeiterinnen gegeben hatte, kann daran liegen, dass ich in der Schule zu verträumt war. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass es wie beim nahegelegenen Außenlager Wewelsburg damals gesellschaftlich und in der Schule nicht thematisiert worden war. (Wie gern bin ich durch eben genau dieses Waldstück gefahren!)

Die Autorin Teréz Rudnóy (*1910) beschreibt in ihrem Roman „Der Tag, an dem sie freikamen“ zunächst den Todesmarsch von knapp 800 Frauen. In Fünferreihen wurden sie nachts über Landstraßen und Feldwege vom Außenlager Lippstadt in Richtung KZ Bergen-Belsen gepeitscht. Vorher hatten sie in Lippstadt Munition hergestellt, und davor Monate und Jahre in Auschwitz, in Ghettos und in anderen Lagern verbracht. Der Todesmarsch wurde nach 32 Kilometern beendet, weil die amerikanischen Einheiten eingetroffen waren.

Was in den 24 Stunden nach der Befreiung geschah, beschreibt dieser Roman, der schließlich noch zum Krimi wird.

Die Autorin hatte zusammen mit ihrer Schwester Auschwitz überlebt; ihre Kinder, ihr Ehemann und ihre Eltern jedoch wurden dort ermordet. Sie hat im Außenlager Lippstadt Zwangsarbeit geleistet und ist den Todesmarsch gegangen.

Lulu hilft als Dolmetscherin und mischt sich unter die Nazifrauen in einer Baracke, um auszuspionieren, welche Pläne sie aushecken. Währenddessen lässt sie eine Gebärende ihr Baby tot zur Welt kommen. Ihr Motiv: Diese hatte ihr zuvor erzählt, dass sie das Judentum für ein hundertköpfiges Ungeheuer halte, dem die Köpfe nachwachsen, sobald man einen abgeschlagen hat, und dass sie die Millionen übriggebliebener Juden ermorden lassen wolle. Der Lieutenant, sein Kollege und ein Arzt sind entsetzt über Lulus Inhumanität. Es entsteht eine lange Auseinandersetzung um Vertierung und Menschlichkeit; schließlich hören sie der Frau die ganze Nacht lang zu.

Wie war es im Viehwaggon?
Wie stank es im KZ?
Warum lagen bei der Verbrennung korpulente Frauen unter dünnen Männern?
Wie ist es, wenn Menschen wahnsinnig werden?

Ihre Freundin Etel kümmert sich im Krankenzimmer um einen jungen Franzosen, der sich aus einer zwecks Ermordung in Brand gesetzten Scheune robben und somit seinen Oberkörper vor den Flammen retten konnte. Er liegt im Sterben und verwechselt sie mit seiner Mutter. Alles sagt er ihr. Und sie ist ihm Mutter. Sie hatte ihr einziges Kind, ihren achtzehnjährigen Sohn, durch die Deutschen verloren.

 „… um ein Glaubender zu werden, muss man einmal, mehrmals, vielleicht für immer vom erklärten Glauben abgefallen sein. Erst dann … wird man fester, tiefer, ja unvergleichlich freier als alle möglichen Kirchgänger nur glauben können. Ganz gleich, woran.“ (Seiten 199/200)

Der literarische Übersetzer Lacy Kornitzer (*1957 in Budapest, 1977 Flucht nach Berlin) wurde durch den Verein „Kulturraum Synagoge Lippstadt e. V.“ (gegründet 2022) auf die Autorin aufmerksam. Die 1852 erbaute Synagoge wurde 1938 zerstört. https://synagoge-lippstadt.de/geschichte/

Da Teréz Rudnóy kurz nach der Beendigung ihres Romans (1947) starb, konnte sie ihren Roman nicht veröffentlichungsreif überarbeiten. Lacy Kornitzer beschreibt im Nachwort eindrucksvoll, wie er sich deswegen dazu entschied, bei der Übersetzung aus dem Ungarischen lektorierend vorzugehen. Er wollte ihrem Werk, ihrer Person, ihrem Stil und ihrer Erzählstruktur gerecht werden. So vermied er Fußnoten, ließ Redundanzen an manchen Stellen bewusst stehen und rekonstruierte Textstellen vorsichtig und achtungsvoll. Ich finde, dass man das merkt, denn das Buch liest sich unglaublich schön (trotz der entsetzlichen Inhalte), flüssig und packend. Man möchte nicht aufhören zu lesen.

https://aussenlager.buchenwald.de/lippstadt-eisen–und-metallwerke-gmbh-frauen Das Foto auf der Website ist gestellt und hat nichts mit der Wirklichkeit dieser Frauen zu tun, und wer die Wirklichkeit dieser Frauen kennenlernen möchte, lese das Buch.

Teréz Rudnóy Der Tag, an dem sie freikamen