aus dem Französischen übersetzt von Holger Fock und Sabine Müller
Ein schönes Buch aus dem Wallstein Verlag zum Abtauchen, ungewöhnlich und Konzentration erfordernd. Wer ist die Erzählerin? Was meint sie mit dem Chor, aus dem sie hervortritt? In welche Welten tritt sie ein und warum, und was ist unter dem Himmel?
„Jetzt, wo ich auf dem Proszenium stehe, muss ich Ihnen sagen, ich bin eigentlich – aber ich weiß es selbst nicht. Ich bin im Chor geboren, das glaube ich zumindest …“ „Ich spreche für die anderen, ich spreche im Namen der anderen, aber ich bin es, die spricht. Ich wähle nicht aus, was ich zu sagen habe, aber ich wähle aus, wie ich es sage. Wer bin ich? Der Schatten einer Stimme? …“ Und später: „Ich bin bei den Toten, wie auch immer sie gestorben sind, ich spreche mit denen, sie sie in Erinnerung behalten.“ „Ich versuche zu verbinden, woraus die Welt besteht, aber die Welt fällt auseinander, und die Zeiten hängen nicht zusammen. … ihr nehmt einander nicht wahr, als würdet ihr euch in verschiedenen Zeiten, in verschiedenen Räumen bewegen, obwohl ihr auf derselben Bühne steht.“
Die Autorin schafft es von Beginn ihres Werkes an, eine ruhige Wachheit in den Lesern hervorzurufen, und dabei könnten sie etwas in sich finden, obwohl dies eigentlich unmöglich scheint. So kommen sie sehr subtil, eher suchend und ahnend in Berührung mit etwas, das in ihnen und um sie ist. Es baut sich eine Art Zwischenreich auf, mit welchem wir alle verbunden sind, welches wir in uns tragen, das aber im Leben meistens ignoriert und nicht vermisst wird. Die Suche nach einem Begriff dafür scheitert. Das macht die Lektüre so mystisch, so fokussiert.
Eine erwachsene Frau, die alterslos genannt wird, vermisst die Freundin ihrer Eltern, die sie in ihrer Kindheit immer mal wieder besucht hatte, nachdem sie aus fernen Ländern zurückkam. Irgendwann tat sie das nicht mehr, und der Grund, dass sie bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen war, wurde ihr verheimlicht.
Die alterslose Frau irrt durch Filmfetzen innerhalb einer Ausstellung mit dem Titel I will survive. Sie bemerkt die Erzählerin und möchte von ihr gehört werden. Sie wird nach und nach herausfinden, warum ihre „Reisefee“ nicht mehr kam und was es mit dem Absturz auf sich hatte.
Die Autorin streut immer wieder Beispiele aus Musik, Film und Literatur ein, die mit dem Fliegen, den Vögeln, mit Raumfahrt etc. zu tun haben, seien es Die Konferenz der Vögel von Attar, die Kompositionen von Olivier Messiaen oder Jule Vernes Von der Erde zum Mond.
Der Titel des Romans Offener Himmel entstand in Anlehnung an Victor Hugos Weltlegende.
Das Vermischen, Verschwimmen und Verschmelzen, das Fehlen eines Horizonts und die Unsichtbarkeit anderer Wirklichkeiten führen in diesem Buch nicht zur Verschleierung, nicht zum Abdriften und Träumen, sondern öffnen mittels des meist übersehenen Teils in uns, also weder über den Verstand noch über die Gefühle, für die Einheit der Welten der Lebenden und der Toten.
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