Elli Unruh: Fische im Trüben
„Was ist schlimmer? Dass er bekommen hat? Oder, dass er bekommen hat, was er verdient?“
An diesem Wochenende findet die Leipziger Buchmesse statt, für die der Debutroman von Elli Unruh (geboren 1987 in Deutschland) nominiert ist. Ihre Vorfahren sind Mennoniten, evangelische Freikirchler aus der Täuferbewegung (Erwachsenentaufe) des Reformators Menno Simon. Mennoniten wurden immer wieder verfolgt, und so hat es sie in die ganze Welt verschlagen. Elli Unruhs Vorfahren kommen aus Kasachstan.
Drei Mal beginne ich das Buch und lege es wieder weg, weil ich keinen Zugang finde. Warum erreicht mich die Stimmung dieser eindrucksvollen Landschaft im Süden Kasachstans nicht? Warum rieche ich die außergewöhnlichen Äpfel nicht? Zum Glück hatte ich das Buch nicht geliehen, sondern beim TRANSIT Buchverlag erworben, sonst hätte ich es ungelesen zurückgegeben und alles verpasst: Nachdem der achtjährige Krocha seinen ersten Hechtbiss verkraftet, lese ich das Buch nochmal von vorn und bekomme den ersehnten Zugang.
Auch die Menschen in diesem Roman ersehnen sich Zugang und Verbindung. Viel schlimmer noch: Sie müssen an einem fremden, unwirtlichen, kargen und atheistischen Ort ihren Zusammenhalt bewahren, um zu überleben, müssen an ihn andocken unter Ablehnung, Ausbeutung und Verfolgung durch den totalitären Staat. Als die Freundinnen Hedi und Ira nach dem Tanzen den letzten Bus nach Hause verpassen und von einem sowjetischen Milizwagen aufgegabelt werden, Hedi mit aufgerissenem Kleid und Ira leicht humpelnd, will man als Leser nur eins: dass ihnen bei den geifernden und Schnaps besorgenden jungen Männern nichts passiert, was sehr unwahrscheinlich ist. Alle Deutschen sind in ihrer Ideologie Faschisten.
Sie pflegen das ostniederdeutsche Plautdietsch und somit ihre Zugehörigkeit. Der Roman beschreibt detailreich die Handlungen und Wahrnehmungen des Alltags, die not-wendig waren und Halt gaben. Geschichtliche und politische Zusammenhänge fließen mit ein. Die Sprache ist durchgehend einfach und etwas herb und spiegelt die unterschwellig gedrückte und traurige Stimmung der Menschen.
Am Ende, als Krocha mit 24 Jahren nach Deutschland geht, spüre ich noch die Menschen mit ihrer Melancholie, aber auch den Esel Anton und die musizierenden Hunde. Ich denke an die Liebenden und die stille unzerbrechliche Kraft des Humors.
Die Verbindung zu den Ahnen wird gehalten und ich lese das Buch wieder!
Hundertprozentige Leseempfehlung!
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