Hamed Abdel-Samad: WITH GOD ON THEIR SIDE – Die unheilvolle Allianz von Politik und Religion
„Die Aufklärung war – bei allen Widersprüchen – die kühnste geistige Leistung Europas.“
Und wieder lädt Hamed Abdel-Samad zum Lesen, Nachdenken, Recherchieren und Diskutieren ein!
Das Buch ist für Laien und für Fachleute gleichermaßen geschrieben, und das Besondere sind seine Thesen: Vor jedem Kapitel steht eine These, die im Kapitel ausführlich behandelt und belegt wird. Der Autor sagt uns damit: Denkt selbst! Argumentiert mit Antithesen! Lasst uns gemeinsam herausfinden, was richtig ist und was nicht. Lasst uns Beweise zusammentragen. Streitet mit mir! Ringt mit mir um die Wahrheit!
Folgende Fragen beschäftigten mich beim Lesen der detailreichen Analyse, in der Hamed Abdel-Samad die Verflechtungen von Politik und Religion unter die Lupe nimmt: Wo nehmen religiöse Radikalisierungen ihren Anfang und an welcher Strippe ziehen wir am besten, um den Knoten zu lösen? Das kann doch nicht ewig so weitergehen!
Besonders spannend finde ich, dass latente Schwarz-Weiß-Vorstellungen und vermeintliche gemütliche Sicherheiten immer wieder demontiert werden, je tiefer man sich mit einer Situation auseinandersetzt.
„With God on their side“ könnte bedeuten, dass eine regierende Person die Attribute von Freundlichkeit, Liebe, Güte, Barmherzigkeit, Freude und Humor in sich trägt und diese täglich kultiviert, so dass sich das auf Minister und Gemeinden auswirkt. Wenn ein Lehrer dies tut, wird es sich auf seine Schulklassen auswirken. Wenn eine Bäuerin dies tut, wird es sich auf ihre Tiere auswirken. Das Platznehmen Gottes in unserer Welt, von dem Hamed Abdel-Samad hier schreibt, hat jedoch mit Gott, mit barmherziger Güte und mit fürsorglicher Nächstenliebe gar nichts zu tun, sondern mit dem Erhöhen der eigenen menschlichen Macht, um den Einfluss zu erweitern und sich zu bereichern. Man begibt sich nicht auf den mühseligen und steinigen Weg zur Erkenntnis, wie es Weise und Mystikerinnen seit Jahrtausenden tun, um ihre Liebe und ihr heilvolles Wissen den Menschen zukommen zu lassen, sondern schmückt sich mit den Lorbeeren anderer und tut so, als besäße man Gottes Macht von oben. So macht man sich unangreifbar: als Herrscher, als Ministerium, als Schulleiterin, als Bischof, als Ärztin. With God on my side bin ich nicht kritisierbar, sondern kann nur immerfort Recht haben.
Dieses klassisch narzisstische Muster kennen wir auch in freundschaftlichen und familiären Kontexten (wobei Gott zugunsten der Selbstüberhöhung mitunter außen vor bleibt). Kritik ist dann Feindlichkeit, egal ob es sich um den Ehegatten, eine Religion oder einen totalitären Herrscher handelt.
Der Politologe Hamed Abdel-Samad beobachtet:
Wer Inhalte hinterfragt, gilt als moralisch diskreditiert. Religiöse Autorität stellt sich über vernünftiges Denken. Das Aufspannen krasser Gegensätze verleugnet Komplexität. Wo ein Nebeneinander nicht erlaubt ist, wird die Andersartigkeit in den Staub getreten. Wo man emotional aufgeladen einer Tradition huldigt, verpasst man die Prozesse erkenntnisgeleiteter Weltsicht. Wo man jemandem Schuld gibt, muss man Unsicherheit nicht aushalten.
Wenn Politik sich mit Heiligkeit meint zu verbinden, sich also scheinbar sakralisiert, kann sie sich nicht selbst relativieren und korrigieren; sie muss die Wahrheit verteidigen und Gegner dämonisieren. Wenn das Böse sich im Gegner verkörpert hat, ist Politik von Gott dazu verpflichtet, alle Mittel zur Vernichtung dieses Feindes einzusetzen. Wer in heiliger Mission die letzte Wahrheit besitzt, kann keine Kompromisse machen und muss gegen die Gegner der Wahrheit vorgehen, auch mit Gewalt. So wird Moral schwarz-weiß. So wird Gewalt geheiligt. So gibt es ein simples Gut-Böse-Splitting, eine Aufteilung in Freund und Feind. Demokratie ist dabei ein Hindernis. Auch geografische Räume werden sakralisiert, um aus Glaubensräumen Machtansprüche abzuleiten.
Der Autor erläutert, wo all dies geschah und geschieht:
Der demokratiefeindliche Trumpismus deutet unsere Zeit religiös, um Machtinteressen durchzusetzen. Christlicher Nationalismus und Islamismus stimmen ideologisch, funktional und organisatorisch überein. Der Angriffskrieg Putins auf die Ukraine ist nicht nur ein geopolitischer Machtkampf, sondern muss aus dem spirituellen Selbstverständnis Russlands und der Teilung Europas zwischen Rom und Konstantinopel verstanden werden. Das „dritte Rom“ Moskau braucht Kiew für sein Verständnis von historischer und spiritueller Einheit. Der konfessionelle Pluralismus der Ukraine an sich ist nicht Stein des Anstoßes, sondern dass er durch Westkirche und Moskau geprägt wurde. Seit der Unabhängigkeitserklärung der Orthodoxen Kirche in der Ukraine 2019 hat das sakrale Selbstbild der russischen Regierung einen Bruch. Fürst Wladimir der Große aus Kiew sei angeblich auf der Krim getauft worden und somit habe Putin Anspruch auf die Krim, auf Kiew und auf die gesamte Ukraine. Kyrill I. bestätigt Putin als von Gott erwählten Führer und sieht im Ukraine-Krieg den Kampf gegen die „Sünden des Westens“. Staat und Kirche ziehen am selben Strang, auch wenn sie getrennte Institutionen bleiben.
China diszipliniert seine Bürger kontinuierlich mit dem moralisch Richtigen durch die allwissenden Kameras und die ständig offenliegenden Daten. Wer damit konform geht, hat es geschafft. Man muss sich immerfort bemühen, von diesem Druck erlöst zu sein, kann sich aber nicht an das Transzendente wenden. „Der Staat wird zum Gott. KI zum Propheten.“ (Seite 189) Die Individuen sollen sich nicht ethisch entwickeln, da sie der staatlichen Moral zu folgen haben.
In Indien bildete sich der Hindu-Nationalismus auf der Grundlage des Spaltungstraumas nach Jahrhunderten der Fremdherrschaft durch Muslime und Briten. Der historischen Zersplitterung setzt er ein Narrativ der Einheitlichkeit entgegen und antwortet als identitätspolitische Leitideologie so auf die Sehnsucht nach klaren kulturellen Grenzen.
Iran und Israel sind geprägt von der Erwartung eines endzeitlichen Erlösers. Es könnte sein, dass dabei beide ihre Wurzeln im Iran haben, denn Saoschjant stammt von Zarathustra ab und der Glaube an den Messias könnte eventuell von ihm beeinflusst sein. Die konvertierten Muslime in Persien nannten Saoschjant „al-Mahdi“. Im 8. Jahrhundert wurde dieser politisiert als „verborgener Imam“ und Nachfahre des Propheten Mohammeds. Hamed Abdel-Samad erblickt in der iranischen und in der israelischen Tradition das Motiv der Ohnmacht, welche einen Sinn bekommt, und das Motiv des Leidens als Märtyrer, welches die Gewalt moralisch besiegt. Er beschreibt die jahrhundertelangen Demütigungen, Traumata und fortwährenden Verletzungen, die er als Ursache für den Fundamentalismus beider Länder sieht.
Religiöse Elemente werden politisch genutzt, um Stabilität und Schutz zu etablieren, jedoch auf Kosten von Minderheiten, ohne Achtung der Würde des Menschen und ohne Gerechtigkeit. So entstehen neue Krisen und neue Kriege. Das Religiöse hat seine Spiritualität verloren.
Der Islamismus verachtet den Westen, beobachtet jedoch dessen faschistische und nationalsozialistische Elemente genau und übernimmt sie, um Massen zu mobilisieren: straffe Hierarchien, Erziehung der Jugend in paramilitärischen Gruppen, Verehrung des Führers, Ausbau des Feindbilds und Einsatz pathetischer Sprache, mit welcher der Dienst an etwas Höherem betont werden soll.
Wenn ich Hamed Abdel-Samad lausche, wie er die Muster von Aufstieg, Blüte und Zerfall beschreibt, frage ich mich, was Gesellschaften brauchen würden, um der dem Zerfall innewohnenden Selbstzufriedenheit entgegenzuwirken. Denn der Zusammenbruch geschieht typischerweise von innen und nicht von außen, wäre also durch Inneres aufzuhalten. Welche Werte fehlen bzw. werden vernachlässigt, so dass es zur Dekadenz und inneren Auflösung kommt? Fehlt hier etwa die wirkliche Spiritualität? (Falls ja, was wäre das?) In unserer Gegenwart verschieben sich die globalen Machtverhältnisse enorm. Dies ist ein riesiges Einfallstor für demokratiefeindliche und religiöse Politik, es sei denn, dass wir geschichtliche Traumata, Ressentiments, Angst und persönliche Kränkungen überwinden und vernünftige Lösungen finden. Die westliche Politik paktiert mit Islamisten, Clanstrukturen und Autokraten, anstatt sich an Demokratie, Rechtstaatlichkeit, individuelle Freiheit und säkulare Kräfte zu halten.
Was wäre eine westliche Erzählung ohne Sakralisierung? Was fehlt in ihrem Kern und was schützt sie gegen Aushöhlung? Wieso ist das überhaupt nötig, wenn sie nüchtern und pragmatisch vorgeht, Freiheitsrechte sichert, Widerspruch lebt, den Wettbewerb der Ideen zulässt und Macht vernünftig begrenzt? Der Westen hatte es geschafft, weltliche und geistige Macht zu trennen und ohne Gott Politik zu machen für Wissenschaft, Handel, Rechts- und Kulturwesen. Inzwischen sieht das leider ganz anders aus. Wir sollten lernen, Freiheit nicht mit Beliebigkeit zu verwechseln, sondern sie mit Verantwortung zu verknüpfen. Wir sollten zu würdevoller Selbstkritik fähig werden und unsere Feindbilder und Ressentiments in Selbstbewusstsein und Bindekraft verwandeln. Das nächste Buch von Hamed Abdel-Samad könnte hier durchaus mit dem Thema der sozialen Dreigliederung anknüpfen.
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