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Cécile Wajsbrot: Offener Himmel

Cécile Wajsbrot<br />
Offener Himmel<br />
Roman<br />
Wallstein Verlag 2026<br />

aus dem Französischen übersetzt von Holger Fock und Sabine Müller

 

Ein schönes Buch aus dem Wallstein Verlag zum Abtauchen, ungewöhnlich und Konzentration erfordernd. Wer ist die Erzählerin? Was meint sie mit dem Chor, aus dem sie hervortritt? In welche Welten tritt sie ein und warum, und was ist unter dem Himmel?

„Jetzt, wo ich auf dem Proszenium stehe, muss ich Ihnen sagen, ich bin eigentlich – aber ich weiß es selbst nicht. Ich bin im Chor geboren, das glaube ich zumindest …“ „Ich spreche für die anderen, ich spreche im Namen der anderen, aber ich bin es, die spricht. Ich wähle nicht aus, was ich zu sagen habe, aber ich wähle aus, wie ich es sage. Wer bin ich? Der Schatten einer Stimme? …“ Und später: „Ich bin bei den Toten, wie auch immer sie gestorben sind, ich spreche mit denen, sie sie in Erinnerung behalten.“ „Ich versuche zu verbinden, woraus die Welt besteht, aber die Welt fällt auseinander, und die Zeiten hängen nicht zusammen. … ihr nehmt einander nicht wahr, als würdet ihr euch in verschiedenen Zeiten, in verschiedenen Räumen bewegen, obwohl ihr auf derselben Bühne steht.“

Die Autorin schafft es von Beginn ihres Werkes an, eine ruhige Wachheit in den Lesern hervorzurufen, und dabei könnten sie etwas in sich finden, obwohl dies eigentlich unmöglich scheint. So kommen sie sehr subtil, eher suchend und ahnend in Berührung mit etwas, das in ihnen und um sie ist. Es baut sich eine Art Zwischenreich auf, mit welchem wir alle verbunden sind, welches wir in uns tragen, das aber im Leben meistens ignoriert und nicht vermisst wird. Die Suche nach einem Begriff dafür scheitert. Das macht die Lektüre so mystisch, so fokussiert.

Eine erwachsene Frau, die alterslos genannt wird, vermisst die Freundin ihrer Eltern, die sie in ihrer Kindheit immer mal wieder besucht hatte, nachdem sie aus fernen Ländern zurückkam. Irgendwann tat sie das nicht mehr, und der Grund, dass sie bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen war, wurde ihr verheimlicht.

Die alterslose Frau irrt durch Filmfetzen innerhalb einer Ausstellung mit dem Titel I will survive. Sie bemerkt die Erzählerin und möchte von ihr gehört werden. Sie wird nach und nach herausfinden, warum ihre „Reisefee“ nicht mehr kam und was es mit dem Absturz auf sich hatte.

Die Autorin streut immer wieder Beispiele aus Musik, Film und Literatur ein, die mit dem Fliegen, den Vögeln, mit Raumfahrt etc. zu tun haben, seien es Die Konferenz der Vögel von Attar, die Kompositionen von Olivier Messiaen oder Jule Vernes Von der Erde zum Mond.

Der Titel des Romans Offener Himmel entstand in Anlehnung an Victor Hugos Weltlegende.

Das Vermischen, Verschwimmen und Verschmelzen, das Fehlen eines Horizonts und die Unsichtbarkeit anderer Wirklichkeiten führen in diesem Buch nicht zur Verschleierung, nicht zum Abdriften und Träumen, sondern öffnen mittels des meist übersehenen Teils in uns, also weder über den Verstand noch über die Gefühle, für die Einheit der Welten der Lebenden und der Toten.

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Teréz Rudnóy: Der Tag, an dem sie freikamen

Ein Ausflug in den 1970ger Jahren nach Lippstadt mit seinen hübschen Straßen, flippigen Cafés und schönen Kirchen löste immer helle Gedanken in mir aus.

Wieso mir trotz meiner frühen Sensibilisierung auf dieses Thema nicht bekannt war, dass es in Lippstadt ein Außenlager für jüdische Zwangsarbeiterinnen gegeben hatte, kann daran liegen, dass ich in der Schule zu verträumt war. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass es wie beim nahegelegenen Außenlager Wewelsburg damals gesellschaftlich und in der Schule nicht thematisiert worden war. (Wie gern bin ich durch eben genau dieses Waldstück gefahren!)

Die Autorin Teréz Rudnóy (*1910) beschreibt in ihrem Roman „Der Tag, an dem sie freikamen“ zunächst den Todesmarsch von knapp 800 Frauen. In Fünferreihen wurden sie nachts über Landstraßen und Feldwege vom Außenlager Lippstadt in Richtung KZ Bergen-Belsen gepeitscht. Vorher hatten sie in Lippstadt Munition hergestellt, und davor Monate und Jahre in Auschwitz, in Ghettos und in anderen Lagern verbracht. Der Todesmarsch wurde nach 32 Kilometern beendet, weil die amerikanischen Einheiten eingetroffen waren.

Was in den 24 Stunden nach der Befreiung geschah, beschreibt dieser Roman, der schließlich noch zum Krimi wird.

Die Autorin hatte zusammen mit ihrer Schwester Auschwitz überlebt; ihre Kinder, ihr Ehemann und ihre Eltern jedoch wurden dort ermordet. Sie hat im Außenlager Lippstadt Zwangsarbeit geleistet und ist den Todesmarsch gegangen.

Lulu hilft als Dolmetscherin und mischt sich unter die Nazifrauen in einer Baracke, um auszuspionieren, welche Pläne sie aushecken. Währenddessen lässt sie eine Gebärende ihr Baby tot zur Welt kommen. Ihr Motiv: Diese hatte ihr zuvor erzählt, dass sie das Judentum für ein hundertköpfiges Ungeheuer halte, dem die Köpfe nachwachsen, sobald man einen abgeschlagen hat, und dass sie die Millionen übriggebliebener Juden ermorden lassen wolle. Der Lieutenant, sein Kollege und ein Arzt sind entsetzt über Lulus Inhumanität. Es entsteht eine lange Auseinandersetzung um Vertierung und Menschlichkeit; schließlich hören sie der Frau die ganze Nacht lang zu.

Wie war es im Viehwaggon?
Wie stank es im KZ?
Warum lagen bei der Verbrennung korpulente Frauen unter dünnen Männern?
Wie ist es, wenn Menschen wahnsinnig werden?

Ihre Freundin Etel kümmert sich im Krankenzimmer um einen jungen Franzosen, der sich aus einer zwecks Ermordung in Brand gesetzten Scheune robben und somit seinen Oberkörper vor den Flammen retten konnte. Er liegt im Sterben und verwechselt sie mit seiner Mutter. Alles sagt er ihr. Und sie ist ihm Mutter. Sie hatte ihr einziges Kind, ihren achtzehnjährigen Sohn, durch die Deutschen verloren.

 „… um ein Glaubender zu werden, muss man einmal, mehrmals, vielleicht für immer vom erklärten Glauben abgefallen sein. Erst dann … wird man fester, tiefer, ja unvergleichlich freier als alle möglichen Kirchgänger nur glauben können. Ganz gleich, woran.“ (Seiten 199/200)

Der literarische Übersetzer Lacy Kornitzer (*1957 in Budapest, 1977 Flucht nach Berlin) wurde durch den Verein „Kulturraum Synagoge Lippstadt e. V.“ (gegründet 2022) auf die Autorin aufmerksam. Die 1852 erbaute Synagoge wurde 1938 zerstört. https://synagoge-lippstadt.de/geschichte/

Da Teréz Rudnóy kurz nach der Beendigung ihres Romans (1947) starb, konnte sie ihren Roman nicht veröffentlichungsreif überarbeiten. Lacy Kornitzer beschreibt im Nachwort eindrucksvoll, wie er sich deswegen dazu entschied, bei der Übersetzung aus dem Ungarischen lektorierend vorzugehen. Er wollte ihrem Werk, ihrer Person, ihrem Stil und ihrer Erzählstruktur gerecht werden. So vermied er Fußnoten, ließ Redundanzen an manchen Stellen bewusst stehen und rekonstruierte Textstellen vorsichtig und achtungsvoll. Ich finde, dass man das merkt, denn das Buch liest sich unglaublich schön (trotz der entsetzlichen Inhalte), flüssig und packend. Man möchte nicht aufhören zu lesen.

https://aussenlager.buchenwald.de/lippstadt-eisen–und-metallwerke-gmbh-frauen Das Foto auf der Website ist gestellt und hat nichts mit der Wirklichkeit dieser Frauen zu tun, und wer die Wirklichkeit dieser Frauen kennenlernen möchte, lese das Buch.

Teréz Rudnóy Der Tag, an dem sie freikamen

Elli Unruh: Fische im Trüben

„Was ist schlimmer? Dass er bekommen hat? Oder, dass er bekommen hat, was er verdient?“

An diesem Wochenende findet die Leipziger Buchmesse statt, für die der Debutroman von Elli Unruh (geboren 1987 in Deutschland) nominiert ist. Ihre Vorfahren sind Mennoniten, evangelische Freikirchler aus der Täuferbewegung (Erwachsenentaufe) des Reformators Menno Simon. Mennoniten wurden immer wieder verfolgt, und so hat es sie in die ganze Welt verschlagen. Elli Unruhs Vorfahren kommen aus Kasachstan.


Drei Mal beginne ich das Buch und lege es wieder weg, weil ich keinen Zugang finde. Warum erreicht mich die Stimmung dieser eindrucksvollen Landschaft im Süden Kasachstans nicht? Warum rieche ich die außergewöhnlichen Äpfel nicht? Zum Glück hatte ich das Buch nicht geliehen, sondern beim TRANSIT Buchverlag erworben, sonst hätte ich es ungelesen zurückgegeben und alles verpasst: Nachdem der achtjährige Krocha seinen ersten Hechtbiss verkraftet, lese ich das Buch nochmal von vorn und bekomme den ersehnten Zugang.

Auch die Menschen in diesem Roman ersehnen sich Zugang und Verbindung. Viel schlimmer noch: Sie müssen an einem fremden, unwirtlichen, kargen und atheistischen Ort ihren Zusammenhalt bewahren, um zu überleben, müssen an ihn andocken unter Ablehnung, Ausbeutung und Verfolgung durch den totalitären Staat. Als die Freundinnen Hedi und Ira nach dem Tanzen den letzten Bus nach Hause verpassen und von einem sowjetischen Milizwagen aufgegabelt werden, Hedi mit aufgerissenem Kleid und Ira leicht humpelnd, will man als Leser nur eins: dass ihnen bei den geifernden und Schnaps besorgenden jungen Männern nichts passiert, was sehr unwahrscheinlich ist. Alle Deutschen sind in ihrer Ideologie Faschisten.

Sie pflegen das ostniederdeutsche Plautdietsch und somit ihre Zugehörigkeit. Der Roman beschreibt detailreich die Handlungen und Wahrnehmungen des Alltags, die not-wendig waren und Halt gaben. Geschichtliche und politische Zusammenhänge fließen mit ein. Die Sprache ist durchgehend einfach und etwas herb und spiegelt die unterschwellig gedrückte und traurige Stimmung der Menschen.

Am Ende, als Krocha mit 24 Jahren nach Deutschland geht, spüre ich noch die Menschen mit ihrer Melancholie, aber auch den Esel Anton und die musizierenden Hunde. Ich denke an die Liebenden und die stille unzerbrechliche Kraft des Humors.

Die Verbindung zu den Ahnen wird gehalten und ich lese das Buch wieder!

Hundertprozentige Leseempfehlung!

Link zu Amazon: „Was ist schlimmer? Dass er bekommen hat? Oder, dass er bekommen hat, was er verdient?“

Fische im Trüben Elli Unruh TRANSIT Buchverlag

Andreas Hoffmann: Unmögliche Begegnungen

In diesem Buch bleibt kein Kapitel ohne Überraschung!

Zwanzigmal stellt Andreas Hoffmann Dialogpartner aus dem
17. bis 20. Jahrhundert mit einem Bildnis und einem kurzen Text vor. Jeweils im Anschluss beschreibt er den außergewöhnlichen Kontakt packend, detailreich und leicht lesbar auf einer gut überschaubaren Anzahl von Seiten. Lehrreich und gleichzeitig kurzweilig können die Leserinnen so in die Geschichte ein-tauchen, auch wenn sie nur kurz Zeit haben.
Es treten Informationen zutage, die unsere KI bislang nicht hergibt. Literaturhinweise laden zum Weiterforschen ein.

Wie kommt es, dass Ralle und Pölle, die unterschiedlicher kaum sein können, sich zeitlebens so liebhaben?

Wie schafft es die Kinoheldin Marianne Hoppe, den Propagandaminister abblitzen zu lassen?

Auf welche Weise siegt Menschlichkeit über Rassismus, wenn die Sportskonkurrenten Jesse Owens und Luz Long mitten im Olympiastadion 1936 Freunde werden?

Wie gestaltet sich der Kontakt zwischen dem evangelischen Bischof Kurt Scharf und der Journalistin Ulrike Meinhof, als er sie in Stuttgart-Stammheim besucht?

Die unterschiedlichsten Menschen können sich annähern. Eine Kluft muss nicht bestehen, und wenn doch, kann man sie über-winden. Dieses Buch ist in unserer Zeit der Meinungsvorgaben und der Diffamierungen ein Vorbild für zwischenmenschliche Kommunikation.

Unbedingte Leseempfehlung!

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Andreas Hoffmann Unmögliche Begegnungen TRANSIT Buchverlag 2025

Maschas Schwestern

Maschas Schwestern

Dichterinnen mit jüdischen Wurzeln

EDITION DORETTES
Hrsg: Sabine-S. Rahe
BoD 2025 2. Auflage

 

 

Ein ganzes Buch voller Gedichte von 37 Dichterinnen mit jüdischen Wurzeln aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts!

Viele dieser Frauen sollten zum Verstummen gebracht werden, doch hier leben ihre Gedichte weiter und wir können der Frauen gedenken.

Durch die Digitalisierung von Nachlässen und Gedichtbänden durch das Leo Baeck Institute New York und von Zeitschriften wie der Allgemeinen Zeitung des Judentums aus Berlin oder aus Der Morgen (Zweimonatsschrift der Juden in Deutschland) wurde diese Sammlung möglich.

Zeitzeugen gibt es immer weniger, und so sind weitere Bände zur Erinnerung in Planung.

Am Schluss des Buches stehen die Quellen und zudem Informationen zum Schicksal der Autorinnen.

Die Herausgeberin und poetische Schriftstellerin Sabine-S. Rahe veröffentlicht in Buchform mit ihrer EDITION DORETTES und auf ihrem Blog https://die-dorettes.de.

Die Gedichte lassen einen berührt zurück und danach holen sie einen wieder hinein in den Kontakt. Was die Frauen einst fühlten, dachten und dichteten, ist so lebensnah, so seelentief und existentiell, sei es in der menschlichen Liebe, am Meer oder in Theresienstadt, dass ihr Überdauern beinahe greifbar scheint.

 

Drei Beispiele zum Kosten:

Lichter zünden

Ich weiß noch, wie der Mutter blasse Hände
Sich Freitag um der Kerzen Schein bewegen
Und wie sich leise ihre Lippen regten …
… Ich wagte nicht zu sprechen bis zu Ende,
Und wenn der Mutter Hände niedersanken,
War mir’s, als komme sie aus fremden Welten,
Wo unsre Ahnen in Nomadenzelten
Aus heil‘gen Bräuchen Mut und Hoffnung tranken.
Was damals mir so fremd und seltsam deuchte
Und ohne Sinn, mein ganzes Sinnen bannte,
In dieser Zeit, die viel zu Staub verbrannte,
Ward es auf neuen Wegen mir zur Leuchte.
Wie Rosenblätter nach der Sommerzeit
Im alten Glas zu fahlem Duft gelangen,
So ist in meiner Seele eingefangen
Jetzt der Erinn‘rung welke Süßigkeit.

Fanny Kahane (Fanny Carlsen, Frank Carlson, Fan Carlson)

 

Tanze mit mir!

Komm, tanze mit mir! In den Flackerschein
meiner wilden Wünsche hüll ich Dich ein.
Die Geigen locken so süß, so leis,
ich bin so jung und ich bin so heiß
und ich schenke Dir in der einen Nacht,
was Deine Sehnsucht nie sterben macht.
Tanze mit mir!

Und lache mit mir und gib mir Wein!
In mein goldnes Märchenhaar spinn ich Dich ein.
Ich bin so bleich – nun küsse mich rot,
küss meine wühlende Sehnsucht tot,
die in mir aufschluchzt mit zitterndem Laut. –
Der, den ich liebe, – der küsst seine Braut.

Eddy Beuth

 

Gebet

Aus dem Spiegel sehen Augen mich an
Große traurige dunkle Menschenaugen.
Sind’s denn die meinen?
Und im gespiegelten Spiegel mein Herz, mein Leben?

Schönheit, berühre die Stirn mir du,
Dass sie wieder glänze!
Dein Licht bleibt die Macht.

Gedanken, stellt euch als Bäume um mein Bett!
Mein Vater hat euch gepflanzt!
Ihr seid hoch gewachsen und wachst noch höher.
Aus euren Wipfeln singen Vögel mir Weisheit ins Ohr
Gegen den Lügenschwatz Welt.

Und vergiss du mich nicht Erzengel Liebe!
Blass geworden nicht minder schön.
Hauche mich an, dass die Würze bleibt!
Decke mit deinem Fittich meinen Leib, damit
Er versinke in den Tod, dem Auferstehung folgt.

Lotte Brunner

 

 

 

 

 

 

 

Maschas Schwestern

Mouhanad Khorchide: Ohne Judentum kein Islam

Mouhanad Khorchide Ohne Judentum kein Islam

Mouhanad Khorchide

Ohne Judentum kein Islam
Die verleugnete Quelle

Herder 2025

 

Wir können dem Islam zutrauen, dass er sich reflektieren und weiterentwickeln kann.

Deswegen ist ihm die Auseinandersetzung mit muslimischem Antisemitismus zuzumuten:
Am Anfang seines Buches listet Mouhanad Khorchide auf knapp zwanzig Seiten schockierende Zahlen aus empirischen Untersuchungen auf.

Was Menschen sich jahrhundertelang erzählen, hinterlässt tiefe Spuren, auch wenn diese Erzählungen sachlich nicht begründet werden und falsch sind. Mouhanad Khorchide analysiert diese Narrative, klärt theologisch auf und entwirft ein mögliches neues Narrativ. Dabei geht er systematisch vor und formuliert sehr präzise und unmissverständlich. Gleichzeitig ist sein Werk gut verständlich für Menschen, die keine Wissenschaftler sind.

Juden und Muslime sind Verbündete im Glauben an den einen Gott.

Die sog. Ungläubigen waren laut Koran Menschen, die die Herkunft und die Botschaften ihrer Religion ablehnten. Wer die Quellen des Islam, also die Überlieferungen von Abraham bis Jesus Christus, verleugnet, ist demnach kein Muslim, sondern ein Leugner, ein Ungläubiger.

Das Wort „Koran“ bedeutet „das Vorgetragene“. Der Prophet Mohammed trug innerhalb von 23 Jahren Gottes Wort mittels Reden vor, die sich aus den Lebenswirklichkeiten und Fragen der damaligen Primäradressaten ergaben. Gott sprach so, dass die damaligen Leute in ihrer Kultur und mit ihrer Sprache ihn verstehen konnten. Gott redete durch einen Menschen. Der Koran ist also Gottes Menschenwort. Er kann als Medium dafür verstanden werden, die Ethik und Spiritualität der Menschen, auch der Sekundäradressaten bis heute und in die Zukunft hinein, zu entfalten. Dieses ist nicht vereinbar mit Gewalt, Ausgrenzung und der Erstarrung in einem geschlossenen System.

Der Koran erkennt die göttliche Herkunft der Tora und des Evangeliums an und bekräftigt diese.
Er vernichtet diese Tradition nicht, sondern verstärkt sie. Im Zweifel sollten sich die damals Lauschenden an die Leute der Erinnerung / die Schriftkundigen / die Juden und Christen wenden. Der Koran nutzt jüdische Erzählungen, um sein Anliegen zu verdeutlichen.

Das strenge Schimpfen auf Juden bezog sich nicht auf alle Juden, das Judentum oder die jüdische Religion, sondern auf bestimmte Menschen damals unter den Juden, die ihren Ursprung verleugneten und somit vom göttlichen Weg abkamen und andere mitrissen.
Die Konflikte in Medina entstanden, so Herrn Khorchides These, aus der gesellschaftlichen Erwartung, dass sie sich einer Religion anzuschließen hätten, was sie aber nicht taten. So wie beispielsweise Abraham, Mose, Noah und der Prophet Mohammed, die keine Religionsstifter waren, gottergeben waren, so kann dies im Prinzip jeder Mensch sein, ohne sich zu einer Religion zu bekennen.
Die angenommene Massakrierung und Ermordung damaliger Juden in Medina durch den Propheten Mohammed wird zum Glück nicht stimmen, weil die Überlieferungsketten dazu zweifelhaft sind und es Berichte gibt, von denen man heute weiß, dass sie nicht authentisch sind.

Islam bedeutet, in der Haltung der Gottergebenheit zu leben und sich somit für die Vielfalt des Glaubens, für Verbindung und Dialog, gegen politische Instrumentalisierung einer als besonders angesehenen Glaubensrichtung einzusetzen.

Ein Mensch kann sich Muslim nennen, wenn er auch die Quellen und Bezüge seines Glaubens anerkennt, würdigt und schützt. Dazu gehört, jüdisches Leben zu bewahren und zu fördern.

Im Grunde ist es so einfach. Und schön.

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