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Hamed Abdel-Samad: WITH GOD ON THEIR SIDE – Die unheilvolle Allianz von Politik und Religion

Hamed Abdel-Samad WITH GOD ON THEIR SIDE dtv 2026

„Die Aufklärung war – bei allen Widersprüchen – die kühnste geistige Leistung Europas.“

Und wieder lädt Hamed Abdel-Samad zum Lesen, Nachdenken, Recherchieren und Diskutieren ein!

Das Buch ist für Laien und für Fachleute gleichermaßen geschrieben, und das Besondere sind seine Thesen: Vor jedem Kapitel steht eine These, die im Kapitel ausführlich behandelt und belegt wird. Der Autor sagt uns damit: Denkt selbst! Argumentiert mit Antithesen! Lasst uns gemeinsam herausfinden, was richtig ist und was nicht. Lasst uns Beweise zusammentragen. Streitet mit mir! Ringt mit mir um die Wahrheit!

Folgende Fragen beschäftigten mich beim Lesen der detailreichen Analyse, in der Hamed Abdel-Samad die Verflechtungen von Politik und Religion unter die Lupe nimmt: Wo nehmen religiöse Radikalisierungen ihren Anfang und an welcher Strippe ziehen wir am besten, um den Knoten zu lösen? Das kann doch nicht ewig so weitergehen!

Besonders spannend finde ich, dass latente Schwarz-Weiß-Vorstellungen und vermeintliche gemütliche Sicherheiten immer wieder demontiert werden, je tiefer man sich mit einer Situation auseinandersetzt.

„With God on their side“ könnte bedeuten, dass eine regierende Person die Attribute von Freundlichkeit, Liebe, Güte, Barmherzigkeit, Freude und Humor in sich trägt und diese täglich kultiviert, so dass sich das auf Minister und Gemeinden auswirkt. Wenn ein Lehrer dies tut, wird es sich auf seine Schulklassen auswirken. Wenn eine Bäuerin dies tut, wird es sich auf ihre Tiere auswirken. Das Platznehmen Gottes in unserer Welt, von dem Hamed Abdel-Samad hier schreibt, hat jedoch mit Gott, mit barmherziger Güte und mit fürsorglicher Nächstenliebe gar nichts zu tun, sondern mit dem Erhöhen der eigenen menschlichen Macht, um den Einfluss zu erweitern und sich zu bereichern. Man begibt sich nicht auf den mühseligen und steinigen Weg zur Erkenntnis, wie es Weise und Mystikerinnen seit Jahrtausenden tun, um ihre Liebe und ihr heilvolles Wissen den Menschen zukommen zu lassen, sondern schmückt sich mit den Lorbeeren anderer und tut so, als besäße man Gottes Macht von oben. So macht man sich unangreifbar: als Herrscher, als Ministerium, als Schulleiterin, als Bischof, als Ärztin. With God on my side bin ich nicht kritisierbar, sondern kann nur immerfort Recht haben.
Dieses klassisch narzisstische Muster kennen wir auch in freundschaftlichen und familiären Kontexten (wobei Gott zugunsten der Selbstüberhöhung mitunter außen vor bleibt). Kritik ist dann Feindlichkeit, egal ob es sich um den Ehegatten, eine Religion oder einen totalitären Herrscher handelt.

Der Politologe Hamed Abdel-Samad beobachtet:
Wer Inhalte hinterfragt, gilt als moralisch diskreditiert. Religiöse Autorität stellt sich über vernünftiges Denken. Das Aufspannen krasser Gegensätze verleugnet Komplexität. Wo ein Nebeneinander nicht erlaubt ist, wird die Andersartigkeit in den Staub getreten. Wo man emotional aufgeladen einer Tradition huldigt, verpasst man die Prozesse erkenntnisgeleiteter Weltsicht. Wo man jemandem Schuld gibt, muss man Unsicherheit nicht aushalten.

Wenn Politik sich mit Heiligkeit meint zu verbinden, sich also scheinbar sakralisiert, kann sie sich nicht selbst relativieren und korrigieren; sie muss die Wahrheit verteidigen und Gegner dämonisieren. Wenn das Böse sich im Gegner verkörpert hat, ist Politik von Gott dazu verpflichtet, alle Mittel zur Vernichtung dieses Feindes einzusetzen. Wer in heiliger Mission die letzte Wahrheit besitzt, kann keine Kompromisse machen und muss gegen die Gegner der Wahrheit vorgehen, auch mit Gewalt. So wird Moral schwarz-weiß. So wird Gewalt geheiligt. So gibt es ein simples Gut-Böse-Splitting, eine Aufteilung in Freund und Feind. Demokratie ist dabei ein Hindernis. Auch geografische Räume werden sakralisiert, um aus Glaubensräumen Machtansprüche abzuleiten.

Der Autor erläutert, wo all dies geschah und geschieht:
Der demokratiefeindliche Trumpismus deutet unsere Zeit religiös, um Machtinteressen durchzusetzen. Christlicher Nationalismus und Islamismus stimmen ideologisch, funktional und organisatorisch überein. Der Angriffskrieg Putins auf die Ukraine ist nicht nur ein geopolitischer Machtkampf, sondern muss aus dem spirituellen Selbstverständnis Russlands und der Teilung Europas zwischen Rom und Konstantinopel verstanden werden. Das „dritte Rom“ Moskau braucht Kiew für sein Verständnis von historischer und spiritueller Einheit. Der konfessionelle Pluralismus der Ukraine an sich ist nicht Stein des Anstoßes, sondern dass er durch Westkirche und Moskau geprägt wurde. Seit der Unabhängigkeitserklärung der Orthodoxen Kirche in der Ukraine 2019 hat das sakrale Selbstbild der russischen Regierung einen Bruch. Fürst Wladimir der Große aus Kiew sei angeblich auf der Krim getauft worden und somit habe Putin Anspruch auf die Krim, auf Kiew und auf die gesamte Ukraine. Kyrill I. bestätigt Putin als von Gott erwählten Führer und sieht im Ukraine-Krieg den Kampf gegen die „Sünden des Westens“. Staat und Kirche ziehen am selben Strang, auch wenn sie getrennte Institutionen bleiben.
China diszipliniert seine Bürger kontinuierlich mit dem moralisch Richtigen durch die allwissenden Kameras und die ständig offenliegenden Daten. Wer damit konform geht, hat es geschafft. Man muss sich immerfort bemühen, von diesem Druck erlöst zu sein, kann sich aber nicht an das Transzendente wenden. „Der Staat wird zum Gott. KI zum Propheten.“ (Seite 189) Die Individuen sollen sich nicht ethisch entwickeln, da sie der staatlichen Moral zu folgen haben.
In Indien bildete sich der Hindu-Nationalismus auf der Grundlage des Spaltungstraumas nach Jahrhunderten der Fremdherrschaft durch Muslime und Briten. Der historischen Zersplitterung setzt er ein Narrativ der Einheitlichkeit entgegen und antwortet als identitätspolitische Leitideologie so auf die Sehnsucht nach klaren kulturellen Grenzen.

Iran und Israel sind geprägt von der Erwartung eines endzeitlichen Erlösers. Es könnte sein, dass dabei beide ihre Wurzeln im Iran haben, denn Saoschjant stammt von Zarathustra ab und der Glaube an den Messias könnte eventuell von ihm beeinflusst sein. Die konvertierten Muslime in Persien nannten Saoschjant „al-Mahdi“. Im 8. Jahrhundert wurde dieser politisiert als „verborgener Imam“ und Nachfahre des Propheten Mohammeds. Hamed Abdel-Samad erblickt in der iranischen und in der israelischen Tradition das Motiv der Ohnmacht, welche einen Sinn bekommt, und das Motiv des Leidens als Märtyrer, welches die Gewalt moralisch besiegt. Er beschreibt die jahrhundertelangen Demütigungen, Traumata und fortwährenden Verletzungen, die er als Ursache für den Fundamentalismus beider Länder sieht.
Religiöse Elemente werden politisch genutzt, um Stabilität und Schutz zu etablieren, jedoch auf Kosten von Minderheiten, ohne Achtung der Würde des Menschen und ohne Gerechtigkeit. So entstehen neue Krisen und neue Kriege. Das Religiöse hat seine Spiritualität verloren.

Der Islamismus verachtet den Westen, beobachtet jedoch dessen faschistische und nationalsozialistische Elemente genau und übernimmt sie, um Massen zu mobilisieren: straffe Hierarchien, Erziehung der Jugend in paramilitärischen Gruppen, Verehrung des Führers, Ausbau des Feindbilds und Einsatz pathetischer Sprache, mit welcher der Dienst an etwas Höherem betont werden soll.

Wenn ich Hamed Abdel-Samad lausche, wie er die Muster von Aufstieg, Blüte und Zerfall beschreibt, frage ich mich, was Gesellschaften brauchen würden, um der dem Zerfall innewohnenden Selbstzufriedenheit entgegenzuwirken. Denn der Zusammenbruch geschieht typischerweise von innen und nicht von außen, wäre also durch Inneres aufzuhalten. Welche Werte fehlen bzw. werden vernachlässigt, so dass es zur Dekadenz und inneren Auflösung kommt? Fehlt hier etwa die wirkliche Spiritualität? (Falls ja, was wäre das?) In unserer Gegenwart verschieben sich die globalen Machtverhältnisse enorm. Dies ist ein riesiges Einfallstor für demokratiefeindliche und religiöse Politik, es sei denn, dass wir geschichtliche Traumata, Ressentiments, Angst und persönliche Kränkungen überwinden und vernünftige Lösungen finden. Die westliche Politik paktiert mit Islamisten, Clanstrukturen und Autokraten, anstatt sich an Demokratie, Rechtstaatlichkeit, individuelle Freiheit und säkulare Kräfte zu halten.

Was wäre eine westliche Erzählung ohne Sakralisierung? Was fehlt in ihrem Kern und was schützt sie gegen Aushöhlung? Wieso ist das überhaupt nötig, wenn sie nüchtern und pragmatisch vorgeht, Freiheitsrechte sichert, Widerspruch lebt, den Wettbewerb der Ideen zulässt und Macht vernünftig begrenzt? Der Westen hatte es geschafft, weltliche und geistige Macht zu trennen und ohne Gott Politik zu machen für Wissenschaft, Handel, Rechts- und Kulturwesen. Inzwischen sieht das leider ganz anders aus. Wir sollten lernen, Freiheit nicht mit Beliebigkeit zu verwechseln, sondern sie mit Verantwortung zu verknüpfen. Wir sollten zu würdevoller Selbstkritik fähig werden und unsere Feindbilder und Ressentiments in Selbstbewusstsein und Bindekraft verwandeln. Das nächste Buch von Hamed Abdel-Samad könnte hier durchaus mit dem Thema der sozialen Dreigliederung anknüpfen.

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David Szalay: Was nicht gesagt werden kann

Flesh und PTBS 

Das auffällige Schriftbild machte mich stutzig: Auf nahezu jeder Seite schien das Beige-Gelb des Blattes zu dominieren und die verkümmerte Schrift in schmalen Zeilen zu verdrängen, häufig in dieser Art:

„Wie geht’s dir?“

„Okay.“

„Ja?“

„Ja, warum?“

„Nur so.“

„Ach so.“

„Ja.“

„Okay.“

Dieses fiktive Beispiel ist schon recht aussagekräftig. So füllen sich die Seiten.

Die Fähigkeit, Gedanken und Gefühle sprachlich zum Ausdruck zu bringen, ist bei den Protagonisten und Protagonistinnen insgesamt nur extrem schwach ausgeprägt.
Besonders der Held dieses Entwicklungsromans, den wir von seiner Jugend in Armut über eine steile Karriere und grausame Schicksalsschläge bis hin zu seinem Alleinsein und erneuter Armut im mittleren Lebensalter begleiten, wirkt psychisch ziemlich leer. Er weiß nicht, was er eigentlich möchte. Er sagt von Jugend an „ja“ zu Dingen, die er nicht machen will. Trotzdem weiß er später im Leben, dass er Menschen das Leben retten will und setzt sich für sie ein.

Sein Kumpel hat mit 15 zum ersten Mal Sex und bietet ihm an, es mit demselben Mädchen auch zu machen, sie sei damit einverstanden. Als es soweit ist, bleibt er passiv auf dem Stuhl sitzen, bis das Mädchen ihn als unattraktiv rauswirft. Die 42-jährige Wohnungsnachbarin, für die er die Einkäufe nach oben schleppt, missbraucht ihn sexuell. Zwar fragt sie jedes Mal, ob das oder jenes „okay“ für ihn sei oder „schön“, und er sagt „ja“, doch tut das nichts zur Sache. Er macht mit, obwohl er sich ekelt. Schließlich ist es dennoch so weit, dass er Gefühle für sie empfindet. Das will die Nachbarin nicht und sie blockt ihn ab. Ihr Ehemann kommt durch ihn und ungünstige Umstände ums Leben.

Das Buch ist durchzogen von Genitalsex. Im Original heißt der Roman „Flesh“ (Fleisch).

Als seine Mutter ihn einlädt, von seinen traumatischen Kriegserfahrungen im Irak zu berichten, bleibt er still, da ihm klar wird, dass sie „den zentralen Aspekt“ nicht verstehen würde.
In zwei Lebensphasen hat er Psychotherapie, die ihm hilft, mit seiner posttraumatischen Belastungsstörung inklusive Gewaltausbrüchen umzugehen. Einmal geht es um sein Gefühl, schuld zu sein am Tod eines Kriegskollegen, und das andere Mal um seine Beziehung zu seinem Stiefsohn. Dennoch werden seine Erfahrungen als Jugendlicher nicht thematisiert und ich habe mich öfter gefragt, wo denn die Folgen davon auftauchen. Es scheint so, als seien frühe Traumata egal und nicht angebunden an das weitere Leben.

Trotz der Leere der Dialoge und der Dumpfheit des Erlebens hat man an keiner Stelle des Romans das Gefühl von Langatmigkeit und schon gar nicht von Langeweile. Man wird nicht depressiv und nicht traurig, nicht wütend und nicht nachdenklich. Man will einfach nur weiterlesen.

Im Laufe seines Lebens wächst seine Kompetenz zu fühlen. Dem Sohn seiner Frau gegenüber empfindet er Hass, und der jüngere gemeinsame Sohn weckt Liebe, Fürsorge und Sorge in ihm. Die Fähigkeit der sprachlichen Auseinandersetzung wächst ebenso, besonders in der Liebesbeziehung zu seiner Frau. Die schockierenden Schicksalsschläge kompensiert er mit Drogen.

Am Schluss ist nur noch seine Mutter da, bis auch diese stirbt.

Manche LeserInnen finden diesen Roman weise und meinen, dass er lange weiterwirke. Ich kann das nicht bestätigen. So wie im Leben der Hauptfigur alles kommt und geht, ertragen oder nicht ertragen wird, zwar reflektiert, aber nicht wirklich durchdrungen, verarbeitet und verdaut wird, so geht auch der Roman vorbei. Unser Held zuckte häufig mit den Schultern. So geht es mir jetzt auch. Was ist es eigentlich, was nicht gesagt werden kann? Es entsteht kein Mitgefühl dazu, dass so vieles nicht gesagt werden kann. Es ist eher so, als wäre man in eine Art Autismus des Autors mit eingewoben. Umso erstaunlicher finde ich es, dass in all den nahezu inhaltslosen Dialogen aller Figuren des Romans eine deutliche Empfindung von dichtem Kontakt wahrnehmbar ist.

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David Szalay Was nicht gesagt werden kann claassen 2025

Raymond Unger: 2015

„… richtig oder falsch hängt von den Informationen ab, die man hat“

Wer Mecklenburg-Vorpommern gut kennt und sich hin und wieder gern dort aufhält, wird diesen Roman kaum ertragen können. Doch hat der Autor Raymond Unger mit seinem Talent als Künstler Blickwinkeln Ausdruck verliehen, die er bewusst gewählt und miteinander verbunden hat.

Gesine baut ein Heilungszentrum in einem kleinen mecklenburgischen Dorf auf und ihr Mann Christian hat dort Platz für sein Atelier. Warum das Projekt der Heilpraktikerin nicht funktioniert, verrate ich hier nicht. Sie lässt anschließend zwanzig geflüchtete Menschen dort leben, und als auch das zur Katastrophe wird, leitet sie ein solches Wohnprojekt für zweihundert geflüchtete Menschen. Die Geschichte ist vertrackt und die Fäden laufen immer wieder überraschend zusammen. Das Buch hat kriminalistische und nervenaufreibende Sequenzen und Unger hält die Spannung bis auf den letzten Meter hoch.

Wie nah sich der jugendliche Neonazi Paul aus dem mecklenburgischen Örtchen und der Islamist Hakim, der bereits viele Jahre in Berlin-Neukölln gelebt hat, sowohl in einem Auto als auch in ihrer psychischen Struktur und Ausrichtung sind, stellt Unger in frappierender und erschreckender Weise dar. Verführbarkeit für politische Lebensentscheidungen hat eine gemeinsame Schnittmenge mit Anfälligkeit für religiöse oder esoterische Verirrungen und entsteht durch psychische und geistige Unreife. So findet sich schließlich die 18-jährige Eva, Gesines und Christians Tochter, in einer brutal gefährlichen und unerträglichen Hölle wieder, die sie nie für möglich gehalten oder angestrebt hat.

Der Autor Raymond Unger richtet seinen Blick auf sehr unterschiedliche Menschen und Situationen: auf reiche Hamburger, auf Hartz-IV-Aufstocker, auf DDR-Verliebte, auf einen hochbegabten und in Wirklichkeit depressiven Oneness-Guru, auf einen feinfühligen DDR-Flüchtling, auf Psychopathen und ihre Opfer, auf den Broterwerb in gesellschaftlich höheren Kreisen ebenso wie auf das Überleben beim Beschreiten eigener Berufswege, auf Motorradschrauber und auf die Berliner Kunstszene. Durch seine Kenntnisse als Psychotherapeut über unbewusste Motive des Handelns, Denkens, Fühlens, Verhaltens und der politischen Haltung weiß er, was geschehen kann, wenn Menschen diese verborgenen Bereiche ihres Selbst mitsamt der transgenerationalen Mitbringsel verscharren, statt sie in Richtung Heilung zu bewegen.

Abbad aus Marokko ist noch jung und hat den Weg aus seinem Slum nach Deutschland mit Hilfe des Ersparten seines Großvaters geschafft. Dieser hatte es tagtäglich in bitterster und härtester Arbeit als Gerber erwirtschaftet und zusammengehalten. Abbad trägt etwas in sich, das weder nationalsozialistisches noch islamistisches noch wokes Gedankengut braucht. Seine menschliche Liebe ist authentisch und er steht seinen Mitmenschen hilfreich beiseite. Die „Verkleidung“ der verliebten Eva stößt ihn ab.

Mit klugem Verstand und leichtem Spott nimmt Unger Übertriebenes und Irrwege aufs Korn, sei es die Überidentifizierung mit Globuli-Hilfestellungen oder den Eifer, dass gemäß des Resonanzprinzips etwas jetzt so sein solle.
Gegenüberstellungen und Parallelen fallen dem genauen Leser in diesem vielschichtigen Werk nach und nach auf, wenn es beispielsweise um Gewissensbildung geht und wir uns mit Moralität und der Suche nach Mitschuld aus Feigheit auseinandersetzen können.

Wird es das Forum tatsächlich geben, an dem sich Menschen, die sich nicht mögen und die unterschiedliche politische Ansichten haben, miteinander verständigen? Angesichts der großen Entwicklungsschritte der Protagonisten habe ich ein bisschen Hoffnung, dass es so sein wird – können wir uns auf eine Fortsetzung der Geschichte freuen?

Und sind wir im realen Leben bereit, unsere Gewissheiten in Frage zu stellen?

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Raymond Unger Roman 2015 EUROPA Verlag

Haneen Al-Sayegh: Das Glück zwischen den Zähnen des Löwen

„Das Glück zwischen den Zähnen des Löwen“ knüpft an den Debutroman „Das unsichtbare Band“ an.

Mit ihrer bildhaften und musikalischen Sprache entführt uns die Autorin Haneen Al-Sayegh in eine beschauliche familiäre Welt der kleinen liebevollen Alltagsgesten und der bezaubernden Landschaften, in eine tröstende, warmherzige Umgebung, in der die Menschen zusammengehören und die Liebe kennen. Diese Liebe zeigt sich auch jungen Menschen, die gar keinen Umgang miteinander haben, und lebt mitunter heimlich und still bis ans Lebensende weiter.

Verschiedenste Welten unseres Planeten liegen in diesem Roman derart dicht beieinander, dass einem schwindelig werden kann. Das konservative drusische Dorf im Libanon, welches Frauen nicht erlaubt, das Haus ohne männliche Begleitung zu verlassen, trifft auf LGBTQ, und enge religiöse Grenzen sehen sich einer modernen Welt mit Flugzeugen und Internet gegenüber.

Im Laufe des Romans wird immer deutlicher, wie brutal es in dieser Gesellschaft zugeht: Kinder werden martialisch gezüchtigt, Mädchen sind weniger wert als Jungen, sie werden nicht über ihre Blutungen aufgeklärt und in unpassende, ungewünschte und zu frühe Ehen gezwungen. Die Oberscheichs bestrafen eine Familie mit Segensentzug, weil sie einen Fernseher besitzt, und drohen einer Frau mit Verbannung, weil sie keinen Schleier trägt. Je frommer ein drusischer Ehemann ist, umso konsequenter kontrolliert er seine Frau und schränkt ihre Bewegungsfreiheit ein. Die rigiden religiösen Vorstellungen bieten offenbar eine Art von Schutzwall gegen das Fremde und das Erfolgreiche, doch dies nur mit Hilfe traumatisierender Höllenandrohungen. Menschen, die diese „Barrikade aus Dogmen“ (Seite 158) überschreiten, gelten als Abtrünnige und Ungläubige, die die Familie entehrt haben und ausgestoßen werden müssen.

Ein auffälliges Element im Roman ist die Heimlichkeit, die oftmals notwendig ist, um einen kleinen Schritt in die Unabhängigkeit gehen zu können:

Nabila ist Anfang 60 und leidet unter der Entfremdung von ihrem Mann. Unbemerkt ist sie die angenehme Stimme in einer Radiosendung und verdient sich etwas dazu, indem sie ihre Koch- und Backkünste weitergibt. Sie ist ohne das Wissen ihres Mannes „die Schattenfrau“ auf Facebook. Ihre Chats sind herzergreifend, denn sie zeugen vom Wunsch nach mehr Nähe und Austausch und zeigen, dass Horizonterweiterung möglich ist. Ist es Illusion? Ist es ein Spiel oder Betrug? Und was hat es mit ihrem Passwort auf sich?

Etwas zu verheimlichen löst den Kummer der Unverbundenheit und auch ein Gefühl der Schuld der geliebten Person gegenüber aus. Die Autorin zeigt, dass sogar Trennungen grausamster und schmerzlichster Art das einzige Mittel zur Hinbewegung in Richtung Freiheit sein können.

Auch Männer dieser Gesellschaft emanzipieren sich. Was mich persönlich sehr betroffen macht, ist, dass es von männlicher Seite her heilende Liebe geben kann:

Ein älterer Herr weint über die Schicksale seiner Schwestern, deren Demütigungen, Einengungen und verbaute Lebenschancen er wachen Geistes sieht. Dies kann ein Schlüssel sein, denn er gibt ihnen ihren Wert und ihre Würde zurück.

Der ausgezeichnete Schriftsteller und Poet Hamed Abdel-Samad, der sowohl die arabische als auch die deutsche Sprache sehr schätzt, hat diesen einprägsamen Roman von Haneen Al-Sayegh übersetzt. „Al-Sayegh schreibt mit großer Aufmerksamkeit für Rhythmus, Klang und die genaue Stellung eines Wortes. Einen solchen Text in eine andere Sprache zu übertragen, ohne seine Leichtigkeit zu verlieren, gehört zu den schönsten und schwierigsten Aufgaben des Übersetzens.“ (Hamed Abdel-Samad am 9. September 2026 auf Facebook) Auch wenn ich kein Arabisch kann, möchte ich respektvoll behaupten, dass es ihm sehr gut gelungen ist.

Dieser Roman zieht einen von der ersten Seite an in die Familiengeschichte hinein und immer wieder stockt einem der Atem oder man schreit auf vor Schreck. Wie tief menschliche Schicksale, auch über Generationen hinweg, miteinander verwoben sind, und wie sehr die Menschen letztlich für ihre Liebe und Freiheit wirken, hinterlässt eine tiefe Spur der Nachdenklichkeit.

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Haneen Al-Sayegh Das Glück zwischen den Zähnen des Löwen

Cécile Wajsbrot: Offener Himmel

Cécile Wajsbrot<br />
Offener Himmel<br />
Roman<br />
Wallstein Verlag 2026<br />

aus dem Französischen übersetzt von Holger Fock und Sabine Müller

 

Ein schönes Buch aus dem Wallstein Verlag zum Abtauchen, ungewöhnlich und Konzentration erfordernd. Wer ist die Erzählerin? Was meint sie mit dem Chor, aus dem sie hervortritt? In welche Welten tritt sie ein und warum, und was ist unter dem Himmel?

„Jetzt, wo ich auf dem Proszenium stehe, muss ich Ihnen sagen, ich bin eigentlich – aber ich weiß es selbst nicht. Ich bin im Chor geboren, das glaube ich zumindest …“ „Ich spreche für die anderen, ich spreche im Namen der anderen, aber ich bin es, die spricht. Ich wähle nicht aus, was ich zu sagen habe, aber ich wähle aus, wie ich es sage. Wer bin ich? Der Schatten einer Stimme? …“ Und später: „Ich bin bei den Toten, wie auch immer sie gestorben sind, ich spreche mit denen, sie sie in Erinnerung behalten.“ „Ich versuche zu verbinden, woraus die Welt besteht, aber die Welt fällt auseinander, und die Zeiten hängen nicht zusammen. … ihr nehmt einander nicht wahr, als würdet ihr euch in verschiedenen Zeiten, in verschiedenen Räumen bewegen, obwohl ihr auf derselben Bühne steht.“

Die Autorin schafft es von Beginn ihres Werkes an, eine ruhige Wachheit in den Lesern hervorzurufen, und dabei könnten sie etwas in sich finden, obwohl dies eigentlich unmöglich scheint. So kommen sie sehr subtil, eher suchend und ahnend in Berührung mit etwas, das in ihnen und um sie ist. Es baut sich eine Art Zwischenreich auf, mit welchem wir alle verbunden sind, welches wir in uns tragen, das aber im Leben meistens ignoriert und nicht vermisst wird. Die Suche nach einem Begriff dafür scheitert. Das macht die Lektüre so mystisch, so fokussiert.

Eine erwachsene Frau, die alterslos genannt wird, vermisst die Freundin ihrer Eltern, die sie in ihrer Kindheit immer mal wieder besucht hatte, nachdem sie aus fernen Ländern zurückkam. Irgendwann tat sie das nicht mehr, und der Grund, dass sie bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen war, wurde ihr verheimlicht.

Die alterslose Frau irrt durch Filmfetzen innerhalb einer Ausstellung mit dem Titel I will survive. Sie bemerkt die Erzählerin und möchte von ihr gehört werden. Sie wird nach und nach herausfinden, warum ihre „Reisefee“ nicht mehr kam und was es mit dem Absturz auf sich hatte.

Die Autorin streut immer wieder Beispiele aus Musik, Film und Literatur ein, die mit dem Fliegen, den Vögeln, mit Raumfahrt etc. zu tun haben, seien es Die Konferenz der Vögel von Attar, die Kompositionen von Olivier Messiaen oder Jule Vernes Von der Erde zum Mond.

Der Titel des Romans Offener Himmel entstand in Anlehnung an Victor Hugos Weltlegende.

Das Vermischen, Verschwimmen und Verschmelzen, das Fehlen eines Horizonts und die Unsichtbarkeit anderer Wirklichkeiten führen in diesem Buch nicht zur Verschleierung, nicht zum Abdriften und Träumen, sondern öffnen mittels des meist übersehenen Teils in uns, also weder über den Verstand noch über die Gefühle, für die Einheit der Welten der Lebenden und der Toten.

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Teréz Rudnóy: Der Tag, an dem sie freikamen

Ein Ausflug in den 1970ger Jahren nach Lippstadt mit seinen hübschen Straßen, flippigen Cafés und schönen Kirchen löste immer helle Gedanken in mir aus.

Wieso mir trotz meiner frühen Sensibilisierung auf dieses Thema nicht bekannt war, dass es in Lippstadt ein Außenlager für jüdische Zwangsarbeiterinnen gegeben hatte, kann daran liegen, dass ich in der Schule zu verträumt war. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass es wie beim nahegelegenen Außenlager Wewelsburg damals gesellschaftlich und in der Schule nicht thematisiert worden war. (Wie gern bin ich durch eben genau dieses Waldstück gefahren!)

Die Autorin Teréz Rudnóy (*1910) beschreibt in ihrem Roman „Der Tag, an dem sie freikamen“ zunächst den Todesmarsch von knapp 800 Frauen. In Fünferreihen wurden sie nachts über Landstraßen und Feldwege vom Außenlager Lippstadt in Richtung KZ Bergen-Belsen gepeitscht. Vorher hatten sie in Lippstadt Munition hergestellt, und davor Monate und Jahre in Auschwitz, in Ghettos und in anderen Lagern verbracht. Der Todesmarsch wurde nach 32 Kilometern beendet, weil die amerikanischen Einheiten eingetroffen waren.

Was in den 24 Stunden nach der Befreiung geschah, beschreibt dieser Roman, der schließlich noch zum Krimi wird.

Die Autorin hatte zusammen mit ihrer Schwester Auschwitz überlebt; ihre Kinder, ihr Ehemann und ihre Eltern jedoch wurden dort ermordet. Sie hat im Außenlager Lippstadt Zwangsarbeit geleistet und ist den Todesmarsch gegangen.

Lulu hilft als Dolmetscherin und mischt sich unter die Nazifrauen in einer Baracke, um auszuspionieren, welche Pläne sie aushecken. Währenddessen lässt sie eine Gebärende ihr Baby tot zur Welt kommen. Ihr Motiv: Diese hatte ihr zuvor erzählt, dass sie das Judentum für ein hundertköpfiges Ungeheuer halte, dem die Köpfe nachwachsen, sobald man einen abgeschlagen hat, und dass sie die Millionen übriggebliebener Juden ermorden lassen wolle. Der Lieutenant, sein Kollege und ein Arzt sind entsetzt über Lulus Inhumanität. Es entsteht eine lange Auseinandersetzung um Vertierung und Menschlichkeit; schließlich hören sie der Frau die ganze Nacht lang zu.

Wie war es im Viehwaggon?
Wie stank es im KZ?
Warum lagen bei der Verbrennung korpulente Frauen unter dünnen Männern?
Wie ist es, wenn Menschen wahnsinnig werden?

Ihre Freundin Etel kümmert sich im Krankenzimmer um einen jungen Franzosen, der sich aus einer zwecks Ermordung in Brand gesetzten Scheune robben und somit seinen Oberkörper vor den Flammen retten konnte. Er liegt im Sterben und verwechselt sie mit seiner Mutter. Alles sagt er ihr. Und sie ist ihm Mutter. Sie hatte ihr einziges Kind, ihren achtzehnjährigen Sohn, durch die Deutschen verloren.

 „… um ein Glaubender zu werden, muss man einmal, mehrmals, vielleicht für immer vom erklärten Glauben abgefallen sein. Erst dann … wird man fester, tiefer, ja unvergleichlich freier als alle möglichen Kirchgänger nur glauben können. Ganz gleich, woran.“ (Seiten 199/200)

Der literarische Übersetzer Lacy Kornitzer (*1957 in Budapest, 1977 Flucht nach Berlin) wurde durch den Verein „Kulturraum Synagoge Lippstadt e. V.“ (gegründet 2022) auf die Autorin aufmerksam. Die 1852 erbaute Synagoge wurde 1938 zerstört. https://synagoge-lippstadt.de/geschichte/

Da Teréz Rudnóy kurz nach der Beendigung ihres Romans (1947) starb, konnte sie ihren Roman nicht veröffentlichungsreif überarbeiten. Lacy Kornitzer beschreibt im Nachwort eindrucksvoll, wie er sich deswegen dazu entschied, bei der Übersetzung aus dem Ungarischen lektorierend vorzugehen. Er wollte ihrem Werk, ihrer Person, ihrem Stil und ihrer Erzählstruktur gerecht werden. So vermied er Fußnoten, ließ Redundanzen an manchen Stellen bewusst stehen und rekonstruierte Textstellen vorsichtig und achtungsvoll. Ich finde, dass man das merkt, denn das Buch liest sich unglaublich schön (trotz der entsetzlichen Inhalte), flüssig und packend. Man möchte nicht aufhören zu lesen.

https://aussenlager.buchenwald.de/lippstadt-eisen–und-metallwerke-gmbh-frauen Das Foto auf der Website ist gestellt und hat nichts mit der Wirklichkeit dieser Frauen zu tun, und wer die Wirklichkeit dieser Frauen kennenlernen möchte, lese das Buch.

Teréz Rudnóy Der Tag, an dem sie freikamen