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Was ich von ihr weiß Rezension Lektorat Tiefsinn

„Ich bin zweitausend Jahre alt.“

Hätte ich vorher gewusst, dass es sich um einen Historienroman handelt – ich hätte das Buch nicht gelesen.
Hätte ich vorher gewusst, dass der Roman angeblich streckenweise sehr langatmig sei – ich hätte ihn nicht gekauft.
Hätte ich vorher gewusst, dass der Autor angeblich nicht in die Tiefe gehe – ich hätte sein Werk nicht ein einziges Mal in die Hände genommen.

Doch zum Glück ist das, was ich nach der Lektüre dieses Werkes weiß, vor allem hochgradig individuell, auf eine atmosphärische und klug eingefädelte Weise packend und sehr tiefgehend, sehr.
Die Empfehlung erhielt ich aus meiner Lieblingsbuchhandlung und wurde wie immer dort nicht enttäuscht, sondern reich beschenkt.

Ein Kloster. Ein Sterbender unter Brüdern. Aber er ist nicht ihr Bruder. Wen oder was besucht der Abt in den dunklen unterirdischen Gängen, in einem Versteck des Vatikans, während der sterbende Bildhauer sich an sein langes Leben erinnert? Was hat es zu bedeuten, dass er davon ausgeht, dass Tote ihre Geschichte erzählen können?

Ach ja: Hätte ich vorher gewusst, dass es sich auch um den Vatikan drehen würde, hätte ich das Buch abwinkend abgelehnt.

Ein Friedhof. Kindliche Mutproben. Eine weibliche schlanke Gestalt steigt aus einem Grab.

Derselbe Friedhof. Eine Dreizehnjährige liegt auf einem Grab und fängt Botschaften aus den Reichen der Verstorbenen auf, während sie dem Fluss der Milchstraße zuschaut. Bald ist jemand bei ihr.

Auf welche Weisen kann die Beziehung zwischen einem wilden Tier und einem Menschen in schweren Zeiten helfen, dem Tier bzw. dem Menschen?

Wer ist der Wirklichkeit näher, der als „verrückt“ bezeichnete Mensch oder der den Normen, Verstrickungen und Erwartungen der Welt Angepasste? Oder hat das bemerkenswerte Zwitterwesen Geistlicher-Stratege die angemessene Haltung?

Wen sehen wir im anderen?
Wen sieht der 1.40m²-kleine Bildhauer in der zwei Köpfe größeren eigenwilligen und fliegenden, reichen und gebildeten Frau?

Wen und was bildet er in seinen Kunstwerken heraus? Was ist es, das Menschen beim Anblicken derart berührt, dass sie Symptome bekommen?

Der junge Bildhauer erlebt Schmutz, Häme, Spott, Mobbing, Gewalt, bittere Armut, Gestank und Besäufnisse. Später beklatschen ihn dieselben Leute. Als er dem faschistischen Regime Italiens den Rücken kehrt, kommt er in den Knast.

Wir lernen etwas über die „Symphonie“ (Seite 401) einer lebenslang von Liebe gespeisten Verbindung, über das Mensch-Sein, über die Lüge, die den anderen glücklich machen soll und über die Schönheit des Bösen.

Letztlich verbindet Jean-Baptiste Andrea in seinem Roman das Irdische, den Stein (der durch Verwandlung seiner Zustands Marmor geworden ist und von Menschen weiter metamorphosiert wird), und den Himmel, also die Liebe, die den Tod überwindet.

Ich würde das Buch sofort ein weiteres Mal lesen.

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