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„… richtig oder falsch hängt von den Informationen ab, die man hat“

Wer Mecklenburg-Vorpommern gut kennt und sich hin und wieder gern dort aufhält, wird diesen Roman kaum ertragen können. Doch hat der Autor Raymond Unger mit seinem Talent als Künstler Blickwinkeln Ausdruck verliehen, die er bewusst gewählt und miteinander verbunden hat.

Gesine baut ein Heilungszentrum in einem kleinen mecklenburgischen Dorf auf und ihr Mann Christian hat dort Platz für sein Atelier. Warum das Projekt der Heilpraktikerin nicht funktioniert, verrate ich hier nicht. Sie lässt anschließend zwanzig geflüchtete Menschen dort leben, und als auch das zur Katastrophe wird, leitet sie ein solches Wohnprojekt für zweihundert geflüchtete Menschen. Die Geschichte ist vertrackt und die Fäden laufen immer wieder überraschend zusammen. Das Buch hat kriminalistische und nervenaufreibende Sequenzen und Unger hält die Spannung bis auf den letzten Meter hoch.

Wie nah sich der jugendliche Neonazi Paul aus dem mecklenburgischen Örtchen und der Islamist Hakim, der bereits viele Jahre in Berlin-Neukölln gelebt hat, sowohl in einem Auto als auch in ihrer psychischen Struktur und Ausrichtung sind, stellt Unger in frappierender und erschreckender Weise dar. Verführbarkeit für politische Lebensentscheidungen hat eine gemeinsame Schnittmenge mit Anfälligkeit für religiöse oder esoterische Verirrungen und entsteht durch psychische und geistige Unreife. So findet sich schließlich die 18-jährige Eva, Gesines und Christians Tochter, in einer brutal gefährlichen und unerträglichen Hölle wieder, die sie nie für möglich gehalten oder angestrebt hat.

Der Autor Raymond Unger richtet seinen Blick auf sehr unterschiedliche Menschen und Situationen: auf reiche Hamburger, auf Hartz-IV-Aufstocker, auf DDR-Verliebte, auf einen hochbegabten und in Wirklichkeit depressiven Oneness-Guru, auf einen feinfühligen DDR-Flüchtling, auf Psychopathen und ihre Opfer, auf den Broterwerb in gesellschaftlich höheren Kreisen ebenso wie auf das Überleben beim Beschreiten eigener Berufswege, auf Motorradschrauber und auf die Berliner Kunstszene. Durch seine Kenntnisse als Psychotherapeut über unbewusste Motive des Handelns, Denkens, Fühlens, Verhaltens und der politischen Haltung weiß er, was geschehen kann, wenn Menschen diese verborgenen Bereiche ihres Selbst mitsamt der transgenerationalen Mitbringsel verscharren, statt sie in Richtung Heilung zu bewegen.

Abbad aus Marokko ist noch jung und hat den Weg aus seinem Slum nach Deutschland mit Hilfe des Ersparten seines Großvaters geschafft. Dieser hatte es tagtäglich in bitterster und härtester Arbeit als Gerber erwirtschaftet und zusammengehalten. Abbad trägt etwas in sich, das weder nationalsozialistisches noch islamistisches noch wokes Gedankengut braucht. Seine menschliche Liebe ist authentisch und er steht seinen Mitmenschen hilfreich beiseite. Die „Verkleidung“ der verliebten Eva stößt ihn ab.

Mit klugem Verstand und leichtem Spott nimmt Unger Übertriebenes und Irrwege aufs Korn, sei es die Überidentifizierung mit Globuli-Hilfestellungen oder den Eifer, dass gemäß des Resonanzprinzips etwas jetzt so sein solle.
Gegenüberstellungen und Parallelen fallen dem genauen Leser in diesem vielschichtigen Werk nach und nach auf, wenn es beispielsweise um Gewissensbildung geht und wir uns mit Moralität und der Suche nach Mitschuld aus Feigheit auseinandersetzen können.

Wird es das Forum tatsächlich geben, an dem sich Menschen, die sich nicht mögen und die unterschiedliche politische Ansichten haben, miteinander verständigen? Angesichts der großen Entwicklungsschritte der Protagonisten habe ich ein bisschen Hoffnung, dass es so sein wird – können wir uns auf eine Fortsetzung der Geschichte freuen?

Und sind wir im realen Leben bereit, unsere Gewissheiten in Frage zu stellen?

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Raymond Unger Roman 2015 EUROPA Verlag